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Helden allerorten

23. March 2020 | 4 Minuten zum Lesen

Tags: Corona, Beruf, Pflege

Klatschen hier. Heldenverehrung dort.

Aussagen wie: “Respekt, ich könnte eure Arbeit nicht machen.” “Zum Glück gibt es Menschen wie euch.”

All das verwirrt mich. Hinterlässt mich ratlos. Macht mir Angst für die Zukunft. Freut mich, wenn ich merke, dass es ehrlich gemeint ist. Macht mich sauer, wenn es darum geht Andere vorzuschieben, weil sich selbst nicht der Gefahr ausgesetzt werden muss.

Keine Frage, es ist toll, dass es Menschen gibt, die für das Wohl anderer ihr Leben riskieren, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Denen es egal ist, dass der Stellenwert in der Gesellschaft keine hohen Gehälter ermöglicht. Die es akzeptieren, dass in ihrem Berufszweig das Diktat der wirtschaftlichkeit über alles gestellt wird.

Die sich dessen sehr bewusst sind, dass es nach einer Krise wieder ruhig wird um sie. Da die Gesellschaft, natürlich, andere Probleme hat, die weitaus wichtiger sind.

Und genau diese Menschen sind es dann, die sich damit zufrieden geben werden, dass sie anderen Helfen, dass sie durch ihre Arbeit dazu beitragen, in der Krise - und danach - den Laden am Laufen zu halten. Die Dankbarkeit der Menschen, ist doch so viel mehr Wert wie Geld.

Noch eine zusätzliche Schicht? Aber klar doch.
Es können nicht noch mehr Kolleginnen eingestellt werden? Klar verstehen wir.
Sie müssen sich jetzt um noch mehr Kinder, Patienten, Klienten usw. kümmern. Hm…geht ja wohl nicht anders.
Sie können mit Haupt- und Nebenjob kaum ihre Familie ernähren? Sehen sie sich um. Andere haben gar keinen Job…

Und dann kommt mir der Begriff “Systemrelevant” in den Sinn.

Der in der Krise auf meiner Bescheinigung vom Arbeitgeber steht.
Der mich berechtigt, egal wie strikt die Einschränkungen für den Rest der Bevölkerung sind, zur Arbeit zu gehen.
Der mich berechtigt, mich weiter einem Gesundheitsrisiko auszusetzen.
Und genau jetzt beginnt sich in meinem Kopf das Gedankenkarusell zu drehen.

Es zeigt sich, warum ich beruflich Menschen unterstütze. Zeigt sich meine Empathie.

Mir kommen Gedanken in den Sinn:

Ist jemand, der nicht systemrelevant ist, ein Teil dieses Systems?

Letztlich sind doch alle Systemrelevant.

Der Unternehmer, der Arbeitsplätze schafft.
Der Arbeiter, der Waren produziert.
Der Selbstständige, der Dienstleistungen anbietet.
Alle, die Steuern zahlen und dadurch das System, wie es ist, ermöglichen.

Und mein Gedanken-Karusell dreht sich weiter. Mir ist es nicht egal und es sorgt mich so sehr, dass andere um ihre wirtschaftliche Existenz bangen.
Nicht wissen, wie es weiter geht.
Lebenswerke auf dem Spiel stehen.

Nicht damit zurecht kommen, sich in Ihrer Wohnung aufhalten zu müssen. Dies dazu führt, dass Familie nicht der Ort der Geborgenheit ist.
Sondern zum Ort wird wo Väter, Mütter und Kinder zu Straftätern werden und die, die eigentlich geliebt werden sollten, zu Opfern.


Und ich denke an all die anderen Berufsgruppen, die derzeit auch ihren Job unter erschwerten Bedingungen weiter machen. Menschen, die sich um Menschen mit Behinderung kümmern, Polizistinnen, Supermarktverkäuferinnen, Politikerinnen, Lehrerinnen, pflegende Angehörige…
Ich sollte hier keine einzelnen Gruppen aufführen, da ich gar nicht alle nennen kann.

Wieder diese typsichen Gedanken der Menschen, die für andere da sind.
Wir nehmen uns - zumindest geht es mir so - selbst nicht so wichtig. Ich finde immer Beispiele für Menschen, die härter Arbeiten müssen, denen es schlechter geht, die es verdienen, dass der Fokus der Aufmerksamkeit auf ihnen liegt.

Und dann kommen mir die aktuelle Nachrichten in den Sinn.
Was dominiert unserer Nachrichten? Fußball, Großkonzerne, Homeoffice.

Es wird sich Sorgen gemacht, was es für die Fußballclubs bedeutet, nicht mehr spielen zu können.

Und wieder sagt eine Stimme in mir:
Ja da hängen auch Existenzen dran, das würde viele hart treffen, wenn Clubs oder Großkonzerne Pleite gehen.

Aber letztendlich geht es eben bei diesen Überlegungen um die wirtschaftlichen Sorgen Einzelner, nicht wirklich Vieler.

Eine Pandemie betrifft leider Alle. Und macht deutlich, dass Gesunheit eben nicht mit Geld zu kaufen ist.

Aber wer wirtschaftlich gut gestellt ist, den trifft sie weniger stark.



Der muss sich weniger Gedanken machen, wie seine Kinder zu Hause mit (k)einem PC unterrichtet werden können.
Wie die Kinder versorgt werden, wenn ein oder beide Elternteile t
rotz Pandemie arbeiten müssen oder sollen.

Letztendlich wird diese Pandemie unsere Gesellschaft - hoffentlich - verändern.

Wird es nicht beim Aplaus bleiben.

Aber leider beginnen schon die ersten mit respektlosem, egoistischem Verhalten. Denken nur an sich und an ihre eigene Freiheit.
Wollen sich nicht mehr einschränken lassen. Zeigen ein Gesicht und Verhalten, das mich anwidert.

Versuchen aus dieser veränderten Welt Profit für sich, für ihre Weltsicht und für eine menschenverachtendes Verhalten zu gewinnen.

Geben wir denen keine Plattform, keine Stimme. Sondern stärken wir die, die unsere Gesellschaft, unsere Demokratie am Leben erhalten. Nicht durch klatschen. Sondern durch Respekt und Wertschätzung.

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